Expressives Gemälde „Immer wieder wächst das Gras“ mit zerklüfteter Tagebaulandschaft, grünen Halmen als geklammerte Wunden, einer Förderbrücke und blau-grauem Himmel
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Die Landschaft als Artefakt: Was der Tagebau der Lausitz eingeschrieben hat

Eine Landschaft, die nichts verschweigt

Wenn ich auf eine Tagebaulandschaft blicke, sehe ich keinen leeren Raum. Ich sehe eine Landschaft, die von Entscheidungen durchzogen ist. Erde wurde abgetragen, Horizonte wurden verschoben, Wege und Orte verschwanden. Zurück blieb eine Form, die nicht einfach entstanden ist, sondern gemacht wurde. Gerade deshalb nenne ich sie ein Artefakt.

Das Wort schafft Distanz, aber es schafft auch Klarheit. Ein Artefakt hat eine Urheberschaft. Es verweist auf menschliches Handeln und damit auf Verantwortung. Die steilen Kanten, weiten Gruben, aufgeschütteten Böden und späteren Wasserflächen sind keine neutrale Natur. Sie tragen die Energiegeschichte der Lausitz in sich, aber auch die Biografien der Menschen, die in dieser Industrie gearbeitet und mit ihr gelebt haben.

In meiner Malerei interessiert mich genau diese Spannung. Ich möchte die Landschaft weder romantisch versöhnen noch auf Zerstörung reduzieren. Ich will ihr die Vielschichtigkeit lassen, die sie tatsächlich besitzt. Eine dunkle Fläche kann Verlust bedeuten und zugleich Tiefe. Ein heller Horizont kann Hoffnung öffnen, ohne das Vorherige auszulöschen.

Arbeit würdigen, Eingriffe benennen

Über Tagebau zu sprechen heißt oft, sich für eine Seite entscheiden zu sollen: für die Lebensleistung der Bergleute oder für die Kritik an den Folgen des Abbaus. Für mich ist dieser Gegensatz zu einfach. Würdigung und kritischer Blick schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Erst wenn beides nebeneinanderstehen darf, entsteht ein ehrliches Bild der Region.

Viele Menschen haben ihr Wissen, ihre Kraft und ihren Alltag in diese Arbeit gegeben. Berufe haben Familien getragen, Gemeinschaften geprägt und Selbstbewusstsein gestiftet. Wenn eine Industrie endet, darf deshalb nicht der Eindruck entstehen, die damit verbundenen Leben seien rückwirkend wertlos geworden. Ein Strukturwandel, der nur von neuen Flächen, Zahlen und Projekten spricht, aber die Menschen und ihr Können vergisst, hinterlässt eine zweite Leerstelle.

Genauso notwendig ist es, den Verlust auszusprechen. Vertraute Wege, Wälder und Dörfer lassen sich nicht durch ein Zukunftsversprechen ersetzen. Manche Wunde wird nicht unsichtbar. Anerkennung beginnt dort, wo diese Erfahrung nicht beschönigt und nicht gegeneinander aufgerechnet wird.

Vom Restloch zum gemeinsam gedachten Raum

Nach dem Bergbau beginnt erneut menschliche Gestaltung. Böschungen werden gesichert, Böden vorbereitet, Flächen bepflanzt und Gruben geflutet. Aus Abbaugebieten entstehen neue Lebensräume und neue Nutzungen. Doch eine Landschaft wird nicht allein dadurch lebendig, dass Wasser in ihr steht oder ein Radweg sie erschließt. Sie braucht Bedeutung.

Diese Bedeutung kann nicht am Reißbrett verordnet werden. Sie wächst, wenn die Menschen der Region in den neuen Räumen ihre Erinnerungen, Fähigkeiten und Wünsche wiederfinden. Vielleicht entstehen Orte, an denen ehemalige Bergleute ihr Wissen erzählen. Vielleicht werden industrielle Spuren nicht restlos entfernt, sondern als lesbare Zeichen erhalten. Vielleicht verbinden Kunst, Handwerk, Bildung und Naturbeobachtung das Gewesene mit dem Kommenden.

Transformation gelingt für mich dann, wenn aus einer Leerstelle kein austauschbares Freizeitbild wird, sondern eine neue gemeinsame Erzählung. Sie darf widersprüchlich sein. Sie darf Trauer enthalten und trotzdem Lust auf Zukunft wecken.

Malerei als Gedächtnis und Entwurf

Ein Bild kann diese neue Erzählung nicht festlegen. Aber es kann einen Raum öffnen, in dem wir genauer hinsehen. In meinen Arbeiten wird die Tagebaulandschaft deshalb zu mehr als einem Motiv. Sie wird zu einem Gegenüber. Ihre Schichten fragen danach, was wir bewahren, was wir verändern und was wir den kommenden Generationen hinterlassen wollen. Beim Malen kann ich Gegensätze zusammenhalten, die in einer politischen Debatte schnell auseinanderfallen: Schönheit und Verstörung, Stolz und Schmerz, Ende und Anfang. Farbe macht die Vergangenheit nicht ungeschehen. Aber sie kann sichtbar machen, dass Zukunft nicht dort beginnt, wo Erinnerung verschwindet, sondern dort, wo wir verantwortlich mit ihr weiterarbeiten.

Quellen und Anknüpfungspunkte

Quelle: LMBV: Rekultivierung – zu Sicherung, Bodenentwicklung und Nachnutzung ehemaliger Bergbauflächen

Quelle: LMBV: Bergbau, Sanierung, Zukunft – Überblick zur Sanierung ostdeutscher Braunkohletagebaue und Bergbaufolgelandschaften

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